Am 11. September veranstaltete der Kulturverein mit Unterstützung der Gemeinde Schnals im Haus der Gemeinschaft von Unser Frau einen Abend, der sich unter dem Titel „Alte Straße – neue Wege. Zwei Blicke zurück und eine Vision für morgen“ der Mobilität in unserem Tal widmete.
Die Idee zum Event war anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Schnalser Straße im September 2025 entstanden. Der Chronist Arch. Dr. Siegfried Gurschler hatte eine mehrteilige Reihe zum Thema für das Schnalser Blattl mit zahlreichen historischen Bildern verfasst. Nun skizzierte er im Gespräch mit der Moderatorin des Abends, Gabriele Crepaz, die spannende Geschichte vom Bau der Schnalser Straße.
Zu Beginn des Abends führte Dr. Hubert Steiner vom Amt für Archäologie entlang der wichtigsten archäologischen Funde in Schnals über die Pfade und Jöcher, auf denen sich Menschen seit Jahrtausenden und bis herauf ins Mittelalter fortbewegt hatten. Menschliche Zehenknochen, Schlittenteile, Wegmarkierungen, ein Schneeschuh und vieles mehr wurden – teilweise erst durch den rezenten Gletscherrückgang freigelegt – gefunden. Die Fundstücke zeigen, dass und wie sich Menschen bereits vor mehr als 10.000 Jahren auf über 3.000 Meter Meereshöhe fortbewegt hatten. Auf dem Langgrubenjoch wurden sogar Lärchenschindeln gefunden, die auf einen Unterstand auf dem Weg ins Matschertal während der Bronzezeit hinweisen.
Im Zentrum des Abends stand die Frage, wie eine erträgliche und nachhaltige Mobilität im Tal in rund 10 Jahren ausschauen könnte. Der Verkehrsplaner Ing. Dr. Helmuth Moroder, der unter anderem federführend an der Wiederaufnahme der Vinschger Bahn war, begann seinen Vortrag mit einer detaillierten Analyse der heutigen Verkehrslage in Schnals, um dann seine Vision für das Jahr 2035 zu entwickeln. Derzeit hat die Gemeinde mit 1,98 Gästebetten pro Einwohner eine deutlich höhere Gästebettendichte als z. B. St. Ulrich in Gröden. Die Aufenthaltsdauer der Gäste nimmt stetig ab, der Verkehr dadurch immer mehr zu. Im Tal ansässige Besitzer:innen von 750 PKWs geben für deren Erhalt in Summe jährlich 4,4 Millionen Euro aus.
Moroder betonte, dass Schnals aufgrund seiner Geografie als geschlossenes Tal ohne Transitverkehr die reale Chance hat, den Individualverkehr stark zu reduzieren und auf das öffentliche Verkehrsnetz umzulagern. Große Projekte auf Landesebene, wie die Elektrifizierung der Vinschger Bahn, die Riggertalschleife und der Brenner Basis Tunnel, sind in Kürze fertiggestellt und werden das öffentliche Verkehrsnetz in Südtirol nachhaltig verändern. Bis Anfang der 2030er-Jahre können somit die meisten Gäste aus dem süddeutschen, österreichischen und italienischen Raum in weniger als 5 Stunden mit dem Zug Bozen erreichen. Mit einem guten Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel in Schnals ist die Chance groß, dass der Individualverkehr aus dem Tourismus stark zurückgeht. Dies könnte im Marketing neue Möglichkeiten eröffnen: „Autofreier Urlaub in Schnals“ ist nicht nur für jene städtische Klientel attraktiv, die zunehmend über kein eigenes Auto mehr verfügt, sondern für viele Gäste, die den Komfort einer Bahnreise und ein ruhiges Tal für ihren Urlaub schätzen. Selbstverständlich würden auch die Einheimischen stark profitieren, denn es würden nicht nur die Straßen entlastet und die Umwelt geschont – ein Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel kann auch bedeuten, dass maximal ein Auto pro Familie ausreichen wird.
Um die Nutzung des Busses auch für alle aus dem hinteren Tal attraktiv zu gestalten, muss nach Ansicht Moroders eine Lösung für die Schleife nach Katharinaberg gefunden werden. Der konkrete Vorschlag war ein selbst zu bedienender Schrägaufzug oder eine Standseilbahn, die Katharinaberg in nur zwei Minuten Fahrzeit ohne Fahrplantakt jederzeit mit einer Bushaltestelle an der Talstraße verbindet. Die Fahrzeit würde so für alle kürzer ausfallen und sich für die Fahrgäste aus dem hinteren Tal sogar um 10 Minuten verkürzen.
Die Details dieser Zukunftsvision gilt es selbstverständlich noch zu klären. Deutlich aber war die Aussage Moroders an die Einwohner:innen und die Gemeindeverteter:innen: Ihr entscheidet, wie viel Verkehr ihr in Zukunft in diesem Tal haben möchtet.
Zuletzt stand eine Podiumsdiskussion mit der Bäuerin Eva Götsch vom Gurschlhof, dem Klimaforscher Georg Kaser, dem HGV-Ortsobmann Benjamin Raffeiner und mit Peter Stürz, CEO der Athesia-Gruppe auf dem Programm.
Die äußerst informative Veranstaltung war geprägt von einer regen Interaktion mit dem interessierten Publikum.